Im Wasser, im Boden – überall taucht im italienischen Industriegebiet um Colleferro das Gift Lindan auf. Jetzt erfahren die Bürger, dass es wohl nicht nur Altlasten sind, die sie so krank machen.
Frankfurter Rundschau, 15. Juni 2009
Blutrot ist sein Gesicht, röter als es ohnehin schon ist, seine Haut scheint porös zu sein. Luigi Mattei ist in Rage. "Ich war vielleicht ein einfacher Arbeiter", zetert er in der Bar an der Piazza Italia, "aber blöd bin ich nicht". "Mein Gehirn", er tippt sich an die Schläfe, "mein Gehirn funktioniert." Mattei dreht sich zum Barmann hin und schreit: "Ich bin ein Mörder, verstehst du? Ein Mörder!" Der 68 Jahre alte Rentner lebt seit Langem mit seiner Schuld. Er hat gelitten, gekämpft und doch verloren. Der Barmann in seinem schwarzen Trainingsanzug knurrt nur: "Was sagen Sie denn da?" Doch Luigi Mattei hat Recht.
Es stimmt; er trägt Schuld daran, dass Hunderte gestorben sind. Er trägt schwer daran und ist doch unschuldig. Von 1962 bis 1981 war er Fahrer für den Chemiekonzern BPD in Colleferro, einer Stadt südlich von Rom. Früher war sie die Arbeitersiedlung einer Munitionsfabrik, heute leben dort 20.000 Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg boomte die Chemieindustrie in der Gegend. Was von ihr übrig geblieben ist, verschandelt die Landschaft. Ein riesiges Zementwerk empfängt den Besucher am Bahnhof, hoch aufragende Anlagen säumen den Fluss Sacco, der sich an der Stadt vorbei Richtung Süden schlängelt und landwirtschaftliche Betriebe streift. Nur im Zentrum glänzt Colleferro. Das Rathaus strahlt in einem warmen Rot, und dass der Papst hier eine Messe hielt, dokumentiert eine Tafel neben dem Eingang.
Luigi Mattei hatte die Stelle von seinem Vater übernommen. Es war ein guter Job. Mattei verteilte Materialien: Er brachte Chemiearbeitern neue Fässer. Deren Inhalt wurde zu den Insektiziden Lindan und DDT verarbeitet. Leere Tonnen wurden mit Müll und Gift aller Art gefüllt und zur Abfallhalde gebracht, einem tristen, fünf Hektar großen Areal auf dem tausend Hektar großen Firmengelände. Dass das Asbest, das er transportiert hatte, giftig ist, erfuhr Mattei erst 1992 - im Krankenhaus, als er seine Lunge untersuchen ließ.
Die unzähligen vergrabenen Fässer rotteten da schon lange vor sich hin. "Das Erdloch sah damals aus wie ein Vulkansee", berichtet er, "ein rundum aufgeschütteter Wall und in der Mitte das Wasser. Nur dass der See eine Mischung aus Asbeststaub, Schwermetallen und Chemikalien war."
Matteis Augen sind gerötet. Binnen kurzer Zeit wechselt er zwischen Erregung und ruhigem Erklärton. Er allein karrte etwa zehn Fässer pro Woche auf das Gelände, bei 19 Jahren Arbeit macht das fast 10.000 Fässer. Zeitweise waren drei bis vier Kollegen mit der Entsorgung beschäftigt. Auch umliegende Unternehmen vergruben dort Giftmüll oder verbrannten ihn auf ihrem Firmenareal. Gras wächst nicht über die Sache.
Luigi Mattei fordert Strafen für die wirklichen Schuldigen. Nur mit Mühe beherrscht er seine Wut. "Im Rathaus, in der Regionalregierung, in den Gewerkschaften und selbst in den zuständigen Ministerien, überall wusste man doch Bescheid, dass hier mit der Gesundheit der Menschen gespielt wird", sagt er. In der Tat: Schon 1955 diskutierte das italienische Parlament über die Verschmutzung. Immerhin haben jetzt die Carabinieri Ermittlungen aufgenommen. Sie hätten sogar hochrangige Beamte im Visier, heißt es.
"Wir müssen hier schnellstens weg"
Luigi Mattei ist damit nicht zufrieden. Die Fässer sind ja noch da. Die, die er anklagt, wollten ihn als Lügner darstellen, als Trottel. Man habe die Vergiftung in Kauf genommen, um die Verarmung der Gegend zu vermeiden, sagt er verbittert. 1990 hatte die Guardia di Finanza, eine Art italienische Wirtschaftspolizei, die erste Untersuchung begonnen. Für das Gerichtsverfahren wurde die Verschmutzung genau beziffert: Insgesamt 7665 Kilogramm Asbest-Fasern, 35 000 Tonnen weiterer Giftmüll (Chromoxid und Cadmium), 12 415 Kilogramm ebenso giftiger Müll (Chloroform, Trichlorethan, Trichlorethylen) und so weiter. Das Gericht ordnete im Jahr 1993 die Sanierung des Geländes an, das Tun der Geschäftsführer der BPD war jedoch nach damaliger Gesetzeslage nicht strafbar.
Viele Jahre später, im Jahr 2005, starben plötzlich 25 Kühe auf ihrer Weide. Sie hatten vergiftetes Wasser aus einem Graben getrunken. Nachdem in Milchproben aus der Region der gesetzlich erlaubte Grenzwert für Lindan um das zwanzigfache überschritten wurde, rief die Verwaltung den Notstand aus. Eine Empfehlung lautete, statt Milchvieh zu halten Zierblumen anzubauen. Die verseuchten Tiere wurden alle getötet. Aber was macht man mit den Menschen?
Die Menschen entlang des Flusses haben keine Zierblumen in ihren Gärten, sondern Tomaten, Zucchini und Gurken. Sie gießen, kochen und waschen mit Wasser aus dem eigenen Brunnen. So findet das Gift den Weg in ihr Blut. Die Regionalverwaltung behauptet, alle Brunnen würden überwacht und falls nötig geschlossen. Doch eine Studie der ASL Rom, einer Art Kreisgesundheitsamt, zeigt, dass diese Menschen deutlich mehr Gift im Blut haben als eine Vergleichsgruppe. Die Studie listet auch auf, was den Menschen droht: Lähmungen, Kopfweh, Fehl- und Frühgeburten, Tumore. Luigi Mattei kennt das: Er hat viele Kollegen sterben sehen.
Für die Studie haben sich 300 Probanden Blut nehmen lassen. 160 haben das Insektizid Lindan in ihrem Körper, genauer Hexachlorcyclohexan. In Deutschland darf es seit 1989 nicht mehr angewendet werden, in Europa seit 2007. Es ist Krebs erregend und soll zur Parkinson-Krankheit führen. Der Stoff reichert sich im Gewebe an, er kann nicht abgebaut und nicht ausgeschieden werden. Die Verwaltung hat angekündigt, für die Betroffenen in und um Colleferro eine Ambulanz zu schaffen. Dort sollen sich die Patienten alle zwei Jahre kostenlos durchchecken lassen können.
Weiter stromabwärts, in Ceccano, redet niemand von solchen Untersuchungen. Dort liegen viele jung Gestorbene auf dem Friedhof. Andere in der Stadt plagen sich mit schweren Krankheiten. Eine Dreijährige musste bereits drei Krebsoperationen über sich ergehen lassen. Fast jeder hat Verwandte mit Tumoren. Auch Alessandra Pistilli, 43 Jahre alt, die direkt am Fluss wohnt.
Jeden Morgen um drei Uhr steht sie auf, um mit dem Zug zur Arbeit zu fahren. Am Nachmittag kommt sie zurück und kümmert sich um ihren Sohn. Jetzt sitzt sie im Jogginganzug am Esstisch. Sie hat es sich schön eingerichtet. Weiße Fliesen lassen ihr Wohnzimmer freundlich erscheinen, die Gardinen sind farblich abgestimmt. Doch vor der Tür wird die Welt hässlich. Nicht wegen der tristen und grauen Flure oder weil die meisten Lampen kaputt sind. Nein, im vergangenen Jahr sind gleich mehrere Nachbarn gestorben. Einer war 52 Jahre alt und schien lange kerngesund. Doch binnen einer Woche raffte ihn der Krebs dahin. Was bringen da regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen?
Als es im Fluss noch Leben gab und im Ort Arbeit, gehörte die Wohnung ihren Eltern. Ihre Mutter habe ihr oft ein Schild umgehängt, dann ging die Familie zum Protest auf die Brücke über den Fluss und blockierte den Verkehr. Inzwischen hat Alessandra Pistilli die Wohnung geerbt, und der Kampfgeist ist der Resignation gewichen. Nur der Optiker, der im selben Block wohnt und gegenüber seinen Laden hat, hängt manchmal ein Plakat auf: "Nein zu den Giften". Nach ein paar Tagen nimmt es die Polizei wieder ab. "Wir bringen es dann einfach wieder an", sagt er.
"Spätestens nach dem Tod meines Nachbarn war für mich klar, dass mein Sohn und ich von diesem Ort schnellstens wegmüssen", sagt Alessandra Pistilli. Der Arbeiterin fehlt aber das Geld dazu. Selbst wenn ihre Wohnung neu renoviert ist, wer kauft sie schon? Die Fassade des Wohnblocks ist zerschrammt, an der Haustür hängt ein ausgebleichtes Schild, eine weitere Wohnung ist zu vermieten. Wer zieht freiwillig an den Todesfluss?
Menschen misstrauen allen Offiziellen
Nach einem Blick aus dem Fenster kann man die Leute verstehen. Eine Industrieruine liegt vor einem, die ehemalige Seifenfabrik Annunziata. Manchmal schwämmen tote Fische im Fluss vorbei, sagt Alessandra Pistilli. Öffnet man das Fenster, hört man nicht nur das Getöse des nahen Flusswehrs, sondern riecht auch den Gestank. Pistilli hat ständig Kopfschmerzen, die sie mit Medikamenten bekämpft. "Ich merke, dass hier irgendetwas nicht stimmt", sagt sie. Nur was nicht stimmt, weiß sie nicht, und niemand sagt es ihr.
Die Menschen in Ceccano misstrauen allen Offiziellen - angefangen beim Bürgermeister bis hoch in die Ministerien. Lorenzo Masi, ein Umweltaktivist, sieht kriminelle Machenschaften zwischen Politikern und Unternehmern. "Hier ist überall die Mafia", berichtet er. Im Ort sieht man viele Baukräne aufragen. "Bauspekulation", sagt Masi. Da kämen Berichte über Umweltverschmutzungen und Krebskranke ungelegen.
Antonio Mattoni kennt ihn gut, den Krebstod, auch wenn er nicht unten am Fluss wohnt. Der 63-Jährige lebt seit einigen Monaten allein in seinem Haus hoch oben über dem Tal. Kürzlich starb seine Frau an Krebs, zuvor seine Eltern, und zwei seiner drei Töchter waren an Brustkrebs erkrankt. Auch Mattoni hat die verrottende Seifenfabrik im Blick.
Antonio Mattoni liegt es nicht, von der Krankheit zu erzählen, zu lamentieren. Er ist ein ruhiger Mensch, ein Techniker, der mit knappen Sätzen genaue Informationen gibt. Doch die vielen Bilder von seiner Frau im Wohnzimmer sagen mehr. Das Hochzeitsbild, ein Porträt seiner Frau mit ihrem schönsten Lächeln, Alltagsaufnahmen. "Einmal kam der Bürgermeister, ein früherer Kollege von mir, draußen vorbei. Ich sagte ihm, er solle kurz meine kranke Frau grüßen. Doch er vertröstete mich", berichtet Mattoni. Einige Tage später war seine Frau tot. Mattoni sagt, die Politik meide das Thema Giftmüll so lange es eben gehe.
Als die römische ASL ihre Studienergebnisse präsentieren wollte, kamen gerade einmal zwei Bürgermeister aus dem Gebiet mit 270.000 Bewohnern. Der von Ceccano war nicht dabei. In seinem Ort wurde weder das Wasser aus den Brunnen untersucht noch das Blut der Menschen. Die Studie hat das Problem also noch gar nicht im gesamten Ausmaß erfasst. "Bürokratische Probleme", sagt Pierluigi di Palma, hätten verhindert, dass die Sanierung schneller angegangen werde. Im Juni 2005 bekam er von der Regionalverwaltung die Weisung dazu. Rund 70 Millionen Euro hat er seitdem bei Verwaltungen und Ministerien eingesammelt. Der Beginn der Arbeiten war mehrmals mit einem konkreten Termin angekündigt worden.
Es sei geplant, verkündeten kürzlich mehrere offizielle Stellen, die Reste der Fässer für die Sanierung zu bergen und die verseuchte Erde nach Deutschland zu bringen. Nur dort könne sie aufgearbeitet werden, es seien aber noch keine Verträge unterzeichnet. Später wurde diese Aussage zurückgenommen. Zuvor war bekannt geworden, dass die Mafia in einer ähnlichen Aktion ihre Finger im Spiel hatte.
Luigi Mattei hilft inzwischen Mitbürgern, sich vor Gericht zu wehren oder Entschädigungen zu erstreiten. "Ich selber will kein Geld. Ich würde es ihnen ins Gesicht schmeißen", sagt er. Er will Gerechtigkeit.
Mit der Sanierung könnte die schmutzige Geschichte im Valle Sacco ein Ende finden. Wenn aber stimmt, was die Umweltschutzgruppe mit dem Namen "Il Grillo Parlante" mit der Analyse von Proben von Flussschlamm ermittelt hat, ist damit längst nicht alles getan.
Denn das Tod bringende Lindan komme gar nicht von dem Giftmüll-Depot, sagen die Naturschützer - sondern aus der Kanalisation des Industriegebiets von Colleferro. "Das Gift wird auch heute noch illegal entsorgt", sagt Vittorio Lupicuti, einer der Aktivisten. Nur würden keine Fässer mehr vergraben, sondern die giftige Brühe einfach in die Kanalisation gekippt.


