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Von einem Pressezentrum, das keines ist, sich selbst organisierenden Staatsbegräbnissen und der Eigenschaft, Leiden zu ertragen

Zunächst: Ich mag diese Art und Weise, Überschriften zu machen, eigentlich nicht. Doch in diesem Beitrag geht es schlichtweg um Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben außer der Tatsache, dass sie mir im Rahmen meiner Berichterstattung über das Erdbeben in L'Aquila aufgefallen sind. Somit geht es also okay. Es ist der große Erdbeben-Abschluss-Reflektions-und-überhaupt-Blogeintrag.

Er kommt vielleicht etwas spät, aber das hat damit zu tun, dass ich direkt nach meiner Rückkehr aus den Abruzzen nach Deutschland geflogen bin.

Noch ein Hinweis vorweg: Mein Kollege Michael Braun hat einen lesenswerten Text für die taz geschrieben über eine Debatte, die derzeit hier tobt. Darf man Satire in Zeiten des Erdbebens machen ? Darf man die Katastrophenhilfe kritisieren und damit an der Fassade der Regierung kratzen, die stets betont, dass die Hilfsaktion perfekt organisiert sei? Darf man unbequeme Fragen stellen? Ein Journalist wird hart kritisiert, ein Karrikaturist muss seinen Hut nehmen. Und niemand solidarisiert sich mit den beiden...

Italiener sind ja bekannt dafür, zahlreiche Künste zu beherrschen, aber nicht die der Organisation. Dafür gibt es immer wieder eindrucksvolle Belege, der neueste besteht im Grunde nur aus einem Zettel, der an einer Tür der Kommandozentrale der Guardia di Finanza hängt: „Sala stampa“ steht darauf, Pressezentrum zu deutsch. In dem Raum gibt es – nichts, was diese Bezeichnung rechtfertigen würde: kein Internet. Keine Informationsblätter. Keine informierten Menschen. Kein Telefon. Einzig allein die Journalisten, die dort arbeiten, lassen einen Gedanken an ein Pressezentrum aufkommen. Am Tag des Staatsbegräbnis hat ein Beamter der Guardia di Finanza, die dort ihren Sitz hat, irgendwo her einen Mini-Fernseher organisiert. Um den herum saß dann eine Gruppe von Journalisten und beobachtete das, was wenige Meter entfernt im Innenhof geschah. Vor der Mattscheibe hatte man den besseren Blick, denn für Journalisten, die nicht mit einer Kamera kamen, gab es keinen besonderen Platz, und auch die mit Film- oder Fotoausrüstung wurden in einem Eck eingekästelt. Genug Leidensbilder bekamen die Medienleute dennoch zusammen. Allein die weißen Kindersärge auf den braunen Särgen, in denen die Leichname ihrer Eltern liegen...

Im Pressezentrum gab es derweil - nichts. Keine Abschriebe der Texte, keinen Ablaufplan, keine Namensliste. Nur den Fernseher...

Auf dem Weg zu meinem Auto fragte ich einen Polizisten am Eingang des Innenhofes, wo den der Leichenzug langführen würde, genau genommen wollte ich lediglich wissen, aus welchem der drei Ausgänge des Innenhofs die Fahrzeuge fahren würden. Das sei noch nicht klar, sagte der freundliche Beamte. Vielleicht kämen die Fahrzeuge aus dem rechten Ausgang, vielleicht auch aus dem Linken oder aus beiden. Sicher sei nur, dass die Särge zu den Friedhöfen der entsprechenden Gemeinden gebracht würden (was übrigens im Großteil der Fälle auch geklappt hat, nur ein paar Särge landeten am falschen Ort). 

Auch ich hänge im Allgemeinen der These an, dass Italiener kaum zur Organisation fähig sind. Allerdings hat das Erdbeben in und um L'Aquila gezeigt, dass Extremsituationen ungeahnte Fähigkeiten bei Italienern wecken, so auch die der Organisation. Schon am ersten Tag gab es in den zentralen Zeltstädten genug zu essen für die obdachlos Gewordenen. Zudem waren unzählige Freiwillige zur Stelle, es war beeindruckend. Und selbst das Staatsbegräbnis ging am Ende doch ohne Pannen über die Bühne.

Natürlich darf in einem Blogbeitrag über das Erdbeben auch ein Stück Medienschelte nicht fehlen. So gab es Journalisten, die in Autos schlafende Menschen weckten, um sie zu fragen, warum sie dies tun (Für diejenigen, denen der Kontext fehlt: Die Menschen schliefen in ihren Autos, weil sie ihre Häuser nicht betreten durften, in den Zeltstädten nicht für alle Platz war, es keine Hotelzimmer gab und man im Auto sicher ist, wenn man nicht direkt an einem Gebäude parkt). Sicher ist aber, dass quasi hundert Prozent der Zuschauer dieses Wissen hatten. Warum also diese blöde Frage?

Ein anderes Beispiel: Rettungskräfte hatten eine verschüttete Frau aus den Trümmern gerettet. Die Frau wird auf einer Trage weggebracht. Eine Journalistin geht zu der Geretteten hin und sagt: "Guten Tag, sie waren also unter den Trümmern!" Warum solch blöde Fragen?

Ganz einfach: Weil das Programm gefüllt sein will und den Kollegen und Kolleginnen irgendwann nichts mehr einfiel. Oder auch aus Dummheit. Aber aus meiner Sicht haben sich die Journalisten im Großen und Ganzen anständig verhalten. Einzelne Kollegen sind zwar negativ aufgefallen - auch, indem sie die Privatsphäre der Menschen nicht respektierten und einfach in ihren Zelte filmten, was angesichts der Tatsache, dass diese Menschen kurz zuvor jede Privatsphäre verloren haben, völlig unangemessen ist.  Doch abgesehen von diesen Einzelfällen war weder die Blutgeilheit übermäßig ausgeprägt noch sind die Journalisten zu aufdringlich geworden. Und was hoffnungsvoll stimmt: Teilweise haben sich Kollegen in den Fernsehsendern über ihre eigenen Kollegen beschwert oder diese in Beiträgen in ihrer Sendung auf die Schippe genommen.

Spannend wird aber sein, wie sich dieses Thema weiterentwickelt. Es werden Befürchtungen laut, dass die Mafia vom Wiederaufbau profitieren könnte. Dies ist sicher ernst zu nehmen, man muss das beobachten. Bisher waren die Abruzzen nämlich nicht in diesem hohen Maß von der Anwesenheit der organisierten Kriminalität geprägt wie etwa Kampanien, Kalabrien und Sizilien. Interessant wird auch sein, wie sich die Situation in dem Gebiet weiterentwickelt. Ich werde versuchen, einen Abnehmer für eine Langzeitbeobachtung zu finden - und eine passende Familie. Interessant wäre das auch deshalb, weil die Bewohner der Abruzzen ein Volk sind, das hart im Nehmen ist und nicht zum Jammern neigt. Das klingt nach volkstümlichem Wissen, zeigt sich aber auch darin, dass in den Camps wenig geklagt wurde. Und es zeigt sich darin, dass Angehörige noch auf der Rückfahrt von dem Staatsbegräbnis, noch im Bus, wieder Scherze machten.

 

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"Oh, Gott, Mein Gianni ist tot"
Wenn die Not zusammenschweißt
"Ich hätte Alarm schlagen sollen"
Italien weint um Erdbebenopfer
Das innere Beben bleibt
und hier die Langversion

 

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