Darf man das? Das war mein erster Gedanke, als ich die Aufmachung des L'Espresso sah. Darf man mit einem Bild, das einen toten Menschen so zeigt, Leser zum Lesen animieren? Darf man diesen Text mit "Warum die Migranten sterben" betiteln und dann direkt auf Silvio Berlusconi zu sprechen kommen? Es ist in mehrfacher Hinsicht ein drastisches Stück, was Fabrizio Gatti geschrieben hat. Gatti ist so etwas wie der italienische Günter Wallraff. Immer wieder hat er in der Vergangenheit auf soziale Missstände hingeweisen, hat das Thema Migration aus einer Vielzahl von Perspektiven beleuchtet. Lange bevor es in Rosarno zu Unruhen von Erntearbeitern kam, hat Gatti undercover auf einer Tomatenplantage gearbeitet und eine beeindruckende Geschichte darüber geschrieben mit dem Titel "Ich, Sklave in Apulien". Er hat sich selber einmal auf die Flucht gemacht und die Sahara durchquert. Er ließ sich vor Sizilien als Reporter ins Meer werfen und als Flüchtling wieder herausfischen, um dann über die dramatische Situation in den Auffanglagern zu berichten (by the way, was ein Wort: Auffanglager). Und jetzt berichtet er wieder über Flüchtlinge, nachdem die kleine insel Lampedusa überlaufen wird von Menschen, die aus Tunesien und anderen arabischen Ländern geflüchtet sind.
Gatti gibt bereits im Vorspann vor, über was er schreiben möchte: "Die falschen Versprechungen von Berlusconi. Die Fehler von Maroni (der italienische Innenminister). Eine Außenpolitik, die aus Witzen und Lügen besteht und von Unholden gemacht wird." So sehr ich Gattis Texte schätze, aber hier macht sich in mir das Gefühl breit, dass das schlimme Schicksal armer Menschen missbraucht wird. Und so ist es dann auch: Eine rein politische Geschichte folgt. Mit keinem Satz kommt Gatti den Schicksalen der Flüchtlinge nahe. Muss man dafür einen toten Menschen auf dem Aufmacherbild zeigen?



