Marco Travaglio gehört zu den erfolgreichsten investigativen Journalisten in Italien. Er ist auf vielen Kanälen präsent: im Fernsehen, im Internet, in Zeitungen und auch mit Lesungen. Im Interview spricht er über den DJV-Preis der Pressefreiheit, mit dem er in diesem Jahr ausgezeichnet worden ist und den Zustand des Journalismus' in Italien.
Der Journalist, Mai 2009
Herr Travaglio, Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Preis! Aber schämen Sie sich nicht auch ein bisschen?
Ich soll mich schämen? Ich bin stolz darauf!
Dass ein Journalist aus einem Land mitten in Europa, aus Italien, prämiert wird, ist doch schon beschämend, oder?
Italien ist keine Demokratie mehr. Das kann jeder sehen, hier will es nur keiner erkennen. Zum Glück ist Deutschland mit einem besseren Blick gesegnet.
Aber die italienische Verfassung garantiert doch die Pressefreiheit!
Die Verfassung wurde geschrieben, doch die politische und ökonomische Macht hat sie mit ihrer täglichen Praxis ihres Inhaltes entleert. Das hat richtiggehend System. In Italien gibt es keine Zeitung und keine Fernsehstation, die in Händen eines echten Verlegers wäre. Sie gehören Bankiers, Chefs von Automobilunternehmen, Autobahnbesitzern, Finanziers, Telekommunikationsunternehmern, ein Großteil dem Premierminister Berlusconi. Die öffentlichen TV-Sender sind in der Hand der Parteien, die privaten in der des Premierministers.
Was kann man da tun?
Man kann seine eigene Arbeit richtig machen, wie dies vielen Journalisten in den Zeitungen gelingt. Immer mal wieder gelingt dies auch den TV-Journalisten, auch wenn sie kontinuierlich von den Mächtigen angegriffen werden.
Wurden Sie persönlich zensiert?
Ich wurde schon von großen Zeitungen rausgeworfen, weil ihnen nicht passte was ich schreibe. Weil ich bekannt bin, vermeiden es die Zeitungen inzwischen, mich zu zensieren: sie stellen mich gar nicht erst an. Jetzt schreibe ich für zwei, drei Titel, die wissen, dass sie mich nicht zensieren können, weil ich sonst nicht mehr für sie schreiben würde.
Zählen Sie noch die Prozesse gegen sich?
Das ist eine weitere Waffe der Einschüchterung, die die Mächtigen zur Verfügung haben. Journalisten werden unter einer Phalanx von Zivilklagen mit Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe begraben, in der Hoffnung, dass der Journalist es künftig vermeidet, über bestimmte Themen oder Personen zu schreiben. Da braucht man breite Schultern – und die Bereitschaft, einen Gutteil seiner Zeit im Gerichtssaal zuzubringen.
Wie viele Klagen bekamen Sie bisher angehängt?
In 25 Jahren bin ich rund 125 Mal verklagt worden, in Zivil- und Strafprozessen. Rund 30 Prozesse sind noch in Gang und es ist wegen dieser Vielzahl schwer, sich zu verteidigen. Sie hoffen, am Ende wenigstens einen oder zwei zu gewinnen.
Und, haben sie?
Sicher. Strafprozesse klären, ob einer eine Straftat begangen hat, ich wurde nie endgültig wegen Diffamierung verurteilt. Bei Zivilprozessen geht es dagegen darum, dass sie Geld von dir fordern, weil Dein Text ihr Ansehen geschädigt habe. Es kann immer passieren, dass sie einen Richter finden, der ihnen Recht gibt oder du einen zu starken Ausdruck benutzt hast. Mir ist das zwei, drei Mal passiert. Das Geld bezahlte aber meine Zeitung.
Manche werfen Ihnen vor, sich profilieren zu wollen.
Ich habe immer nur meine Arbeit als Journalist getan. Wäre das, was ich sage, falsch, säße ich schon im Gefängnis. Es ist demnach wahr, und ich verstehe nicht, warum immer nur ich das sagen muss. Würde jeder diese Wahrheiten verbreiten, würde mich keiner mehr wahrnehmen.
Was ist Ihre Motivation weiterzumachen?
Mir gefällt meine Arbeit einfach, sie macht mir Spaß.
Trotz all dieser Hindernisse?
Dank dieser macht sie mir noch mehr Spaß! Wenn alle Mächtigen mich ignorieren oder mir applaudieren würden, würde ich mir Sorgen machen. Das würde bedeuten, dass ich meine Arbeit nicht gut mache.
Die Italiener wählen Berlusconi, nachgewiesenermaßen ein Krimineller, immer wieder, trotz Journalisten wie Ihnen. Lässt Sie das nicht verzweifeln?
Ich kümmere mich nicht um meinen Einfluss auf die Wähler. Ich schreibe nicht, damit Berlusconi Stimmen verliert und die Linke gewinnt. Mir ist wichtig, dass die Wähler wissen, was sie wissen müssen, bevor sie zur Wahl gehen. Wen sie dann wählen, ist ihre Sache. Ich habe aber Probleme damit, dass viele so tun, als würden sie diese Dinge nicht wissen, auch was meine Kollegen anbelangt. Es gibt Journalisten, die präsentieren Berlusconi als Heilsbringer, als politisches Genie. Den Italienern fehlen Fakten. Wenn alle Journalisten, egal ob der Rechten oder der Linken, berichten würden, was berichtet werden muss, sei es über Politiker der Linken, sei es über Politiker der Rechten, dann wäre das Land endlich informiert. Das Land, dessen Bürger dann Leute wie diese wählen, möchte ich sehen! Es fehlt aber die Gegenprobe.
Wie macht Berlusconi das?
Auch nach 15 Jahren der Diskussion über den Interessenskonflikt hält er seine Fernsehsender immer noch an der kurzen Leine. Er schickt oft Journalisten weg, die ihm nicht zu Füßen liegen. Der letzte Fall hier ist der von Enrico Mentana. Berlusconi erträgt die Verbreitung von Informationen nicht, er würde sonst Schaden nehmen.
Das Internet kann er aber nicht steuern. Sind die Berlusconi-kritischen Blogs eine Art Gegenöffentlichkeit?
Ja, es ist ein alternativer Ort. Berlusconi mag das Netz nicht, weil es interaktiv ist, man sich dort äußert und jemand antwortet, folglich ist er dort nicht. Er macht Monologe und kann keinen Widerspruch ertragen. Sein idealer Ort ist die Piazza und das Fernsehen, wo er allein ist, sagen kann was er will und von Dienern umgeben ist, die mit dem Kopf nicken. Leider ist das Internet ein Instrument einer Minderheit, nämlich des gut gebildeten und ziemlich jungen Teils der Bevölkerung. Sonst wäre er politisch schon tot.
Sind Sie nicht auch froh, dass es Berlusconi gibt? Ohne ihn wäre die Arbeit schwieriger!
Klar, er ist ein starker Typ, aber wir hätten auch ohne ihn genug zu tun. Die Kriminellenquote in der Politik ist wirklich hoch.


