In der Küche des Tübinger Männerwohnheims sitzen sie und erzählen sich von ihren Kämpfen.
Tübingen, Juli 2007, Stuttgarter Zeitung
Du wirst Dich dann fragen, wo bist Du denn hier gelandet. Der Gepiercte erzählt Dir, wie er Polizisten verkloppt hat. Oder umgebracht, wer weiß das schon so genau. "Da hab ich die Handschellen schnell um den seinen Kopp geschwungen und dann in'n Wagen reingezogen. Und dann einfach nur zugezogen." Dann macht der hagere ein kratziges Geräusch, das Brechen von Knochen. Um den Esstisch steht, nein, läuft auch noch Nico, der junge Drogendealer im schicken schwarzen Trainingsanzug. Nervös ist er, guckt immer wieder zum Fenster, nicht nur, wenn Studentinnen vorbeigehen. "Ich bin substituiert", sagt er, "ich bin weg von dem Zeug. Ich setz mir nur noch einmal im Monat einen Schuss, nur eineinhalb Milliliter." Dann guckt er wieder, ob sie ihn holen kommen.
Der Vampir mit den eingeritzten Armen sagt, wie er an der Supermarktkasse fasziniert auf den Hals eines jungen Mädchens gestarrt habe. "Da wollte ich am liebsten reinbeißen. Das wär' so schnell gegangen, das hätte die gar nicht gemerkt." Dann wischt er sich über sein bleiches Gesicht, und der Schorf unterhalb des Handgelenks ist zu sehen, dort, wo die Adern sind. Der afrikanische Schweiger liest Tageszeitung und sagt irgendwann nur, dass das ja schon schlimm sei mit Martin. Den haben sie heute aus dem Haus getragen. Die Füße voraus. Tot. Der angekündigte goldene Schuss. Mit 36 Jahren. "Was soll der Geiz", sagt der Gepiercte, "hier wird gestunken, dort gestorben, was soll's."
Jimmy steht am Fenster und hört allen zu. Dem klugen Vampir, dem fröhlichen Drogendealer, auch dem Gepiercten, der sich beim Rauchen in Rage redet. Wie er die Kanaken hasst. Und die Araber. Und die Türken vor allem. "Und was denkst Du so, wenn Du mich siehst?", will Jimmy von ihm wissen. Sein Vater ist Inder. Die dunkle Haut hat Jimmy von ihm. Wo bist Du denn hier hingeraten, fragst Du Dich dann, obwohl Du es genau weißt: Im Aufnahme-Übernachtungswohnheim Kiesäckerstr.2. So sagt es das Schild über der Eingangstür mit den Gitterstäben, und so sieht es hier auch aus.
Weiße Wände, graues Linoleum, nikotingelbe Fenster. Lange Flure im Neonlicht. Eine Küche mit dem Charme eines Großraumbüros. Um den großen Holztisch sitzen sie alle. Zwei Müllständer sind das einzige, was den Raum ziert. Heimat sind hier Menschen. Heimat gibt es, wenn man Tabak hat. Heimat gibt es abends um den Esstisch, wenn man sich gegenseitig erzählt, wie man kämpft. Gegen die Bullen oder gegen das Leben. Heimat gibt es, wenn man Sieger ist, wie der Gepiercte, der seinen ersten Arbeitstag hatte, wieder einmal, und allen stolz erzählt, dass am Freitag in seiner Firma Tag der offenen Tür ist. Solche Probleme hat Nico, der Drogendealer, nicht. Du hast bald keinen Tag der offenen Tür mehr, wirft ihm der Gepiercte hin. Sie werden ihn holen, es ist nur noch die Frage wann. Vorher will er so viel Haschisch kaufen wie möglich. "Da hat man einmal Geld, und dann hat niemand was", schimpft Nico unbeeindruckt und sagt dann: "Du weißt gar nicht, wie viel in einen Arsch reinpasst. Wenn Du im Knast Drogen hast, bist Du König. Sonst bist Du nichts." Dem Möchtegern-König haben sie die Bewährung widerrufen. Weil er wieder einmal seine Frau verprügelt hat. Sie ist zu Stefan geflüchtet, da hat Nico selbst die Bullen gerufen. Vier Monate zwei Tage werden Sie ihn dabehalten, wenn erst einmal der Haftbefehl raus ist. "Selber schuld", höhnt der Vampir. "Hoffentlich komm ich erst nächste Woche rein", sagt Nico. Vielleicht hat er dann endlich einen Lieferanten. Außerdem kommt er so rechtzeitig zum Hauptverkauf. 30 Euro und acht Cent geben sie ihm. Tabak gibt es sonst nicht im Knast.
So reden sie im ersten Stock in der Küche. Ein Erdgeschoss gibt es im Männerwohnheim in Tübingen nicht. Nur den Keller. "Kellerbar" hat jemand auf den Wegweiser im Haus gekritzelt, und es ist wohl die Bar der Verdammten. "Wer unten ist, hat bei uns nichts zu lachen", sagt der Vampir. Zu oft schon haben die Notübernachter ihnen die Küche leergefressen. Oder in ihrem Suff nach Zigaretten gefragt. Mitten in der Nacht. Mit Hans werden sie keine Probleme haben. Es ist neun Uhr abends, Hans ist eben ins Haus geschlurft. Er schaut nur kurz in die Küche rein. Wohl nur, damit Jimmy, der für viele immer noch der Zivi ist, ihm frische Bettwäsche und ein Handtuch geben kann.
"Ich habe geduscht. Ohne Seife geduscht", sagt Hans, der vielleicht auch ganz anders heißt, als er auf seinem Bett sitzt. Seine Hose und zwei Paar Socken hat er über einen Stuhl gehängt. Es ist alles, was er hat. "Ich habe meine Sachen gewaschen", erklärt er. Unter der Hose sammelt sich eine Lache. "Es ist nicht gut, feucht zu wohnen. Das ist nicht gut", sagt er, und zeigt auf die Mauer. "Wenn das erstmal losgeht…" Du folgst dann seiner Handbewegung, und Dein Blick geht nach oben, die kahle Wand hoch, zu dem Fenster mit dem Loch in der Scheibe. Irgendwann am Abend stehst Du dann an der Kloschüssel. Davor ist alles nass, und Du verstehst, warum Hans seine Hose gewaschen hat. Ohne Seife. Zuviel Domkellerstolz. Ein angebrochener Tetra-Pack liegt im blauen Müllsack, dem einzigen Farbpunkt in dem Kellerflur. So dürfte sich ein Innenarchitekt die Hölle vorstellen.
Wenn Du zurückkommst, denkst Du beim ersten Atemzug, wäre ich lieber nicht aufs Klo gegangen. Hans sitzt immer noch da, er schaut Dich nie an. "Das erste Mal hier?", fragt er. Dir fallen seine Beine auf, die er immer zusammen hält. Damit Du nicht siehst, dass er keine Unterhose besitzt. Sie sind weiß, dünn. "Ich bin müde", sagt Hans. "Jeden Tag zwanzig Kilometer laufen, das geht auf die Knochen." Du siehst die dicke weiße Hornhaut an seinen Fußsohlen. "Ich kann das bald nicht mehr", sagt Hans langsam. Was dann, fragst Du Dich leise. Aber nicht Hans. Hans hat keine Heimat, Hans kommt nie irgendwo an. "Wenn Sie zwanzig Jahre nicht zuhause waren, da erkennste nichts wieder", sagt er. Viele erkennen wohl auch ihn nicht wieder, oder sie wollen es nicht, mit dem langen Bart, den zotteligen Haaren. "Meine Mutter lebt noch, Vater schon lange tot", sagt Hans. "Einen Bruder, ist aber schwierig."
Hans kommt aus einer großen Stadt bei Essen. "Da gibt's ja nur große Städte", sagt er. "Kommst aus der einen raus, bist Du schon in der nächsten." Tübingen dagegen sei eine komische Stadt. Da laufe man durch einen Vorort, Weilheim, da gibt's den Real, und dann kommt zwei Kilometer lang nichts. "Bei anderen steht ja Große Kreisstadt oder nur Stadt dran. Hier Universitätsstadt. Ich weiß auch nicht." Draußen feiert jemand, ein Feuerwerk donnert. Viele seiner kurzen Sätze wiederholt Hans. "Tübingen ist eine komische Stadt."
Irgendwann ist Hans müde. Er hat eine Zigarette geraucht: ein bedrucktes Papier, dazu Reste von Selbstgedrehten aus dem Aschenbecher. Du legst Dich ebenfalls hin. Die verwaschene Bettwäsche riecht wie in der Werbung: aprilfrisch, blütenduftig. Du freust Dich über Deinen vertrauten Freund, die Chemie. Doch langsam, ganz langsam, dringt in der Nacht der Mief aus dem Kissen darunter. Am Morgen legst Du Deine Bettwäsche vor die Waschküche und gehst, ohne Dich von jemandem zu verabschieden.
Du wirst Dich dann fragen, zu was Du die Tür gerade zumachst. Ich kann es Dir sagen: Zu einem ganz normalen Ort in einer komischen Stadt in Deutschland.



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