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Fünf Minuten Zeit pro Schicksal


Frank Burkart im Dauereinsatz

Tübingen, September 2001, Schwäbisches Tagblatt



24 Stunden im Dienst des Klinikums und der Patienten: Das TAGBLATT begleitete den HNO-Arzt Frank Burkart auf einer Schicht


Ein Moment der Unachtsamkeit kann das Leben kosten. Deswegen werden bei Lastwagen-Fahrern keine überlangen Fahrzeiten geduldet. Bei Ärzten ignoriert der Gesetzgeber dagegen ein Urteil des europäischen Gerichtshofs, das ihre Arbeitszeit auf ein vernünftiges Maß begrenzt. Aus einem Grund: Seine Umsetzung würde Unmengen von Geld kosten. Darum gibt es an vielen Kliniken nach wie vor bis zu 36 Stunden dauernde Dienste. Um zu sehen, wie lang ein 24 Stunden langer (Bereitschafts-)Dienst ist, begleitete das TAGBLATT Dr. Frank Burkart, einen Facharzt an der Tübinger Hals-Nasen-Ohren-Klinik, bei seiner Arbeit.

Marta Dominguez läuft und läuft. Die Spanierin setzt einen Fuß weit vor den anderen, tritt schwungvoll auf. Zusammen mit den anderen fliegenden Fußpaaren bildet sie ein elegantes, schön anzusehendes Hochgeschwindigkeitsballett. Kurz vor dem Ende zieht die hübsche Primaballerina im roten Trikot an, überschreitet die Ziellinie und reißt die Arme hoch.

Es ist ein Bild, das nicht so ganz hierher passt. Frank Burkart sitzt in seinem kleinen Schlafraum in der Tübinger Hals-Nasen-Ohren-Klinik (HNO) vor dem Fernseher. Burkart ist Facharzt, gerade im Bereitschaftsdienst, es ist sechs Uhr samstagabends und er hat sich seit neun Uhr am Morgen um seine Patienten gekümmert. Hat eitrige Wunden ausgespült, Verbände gewechselt, in unzählige Hälse geschaut, Blut abgesaugt und viele abgemagerte Hände geschüttelt.

Jetzt, nach neun Stunden, hat er seine erste Pause an diesem Tag. Im Fernsehen wird Leichtathletik übertragen. Tim Lobinger nimmt Anlauf, setzt seinen Stab auf. Noch während des Aufschwungs des Stabhochspringers prophezeit Burkart: "Das wird nix, der hat heute nicht genügend Saft!" Und tatsächlich: Lobinger fällt, die Latte auch, Lobinger ist draußen aus dem Wettbewerb. Burkart ist noch lange nicht draußen, sein Dienst endet in 15 Stunden, noch nicht einmal die Hälfte ist geschafft.

Vor zwei Jahren stießen spanische Richter mit einem Urteil einen Stein an, der bis heute durch Europa rollt, bildhaft gesprochen, auch nach Tübingen. Eine Gruppe von Ärzten hatte erstritten, dass Bereitschaftsdienste als Arbeitszeit zu werten sind. Die simple Begründung der Richter: Ärzte müssen während ihres Dienstes im Hospital bleiben. Der europäische Gerichtshof bekräftigte das Urteil und gab dem Stein noch mehr Schwung. Seitdem steht das Thema auch in Deutschland auf der Tagesordnung. Ärzte gingen trotz Risiken für die eigene Karriere an die Öffentlichkeit, man denkt über Alternativen zu den teils bis zu 36 Stunden dauernden Diensten nach. Um das berühmte Urteil in Deutschland umzusetzen, bräuchte man etwa 35 000 neue Ärzte, sagt Hans-Peter Zenner, der Leiter der HNO. Mehrkosten sollen aber - und das ist das Problem - dadurch nicht entstehen. Denn das deutsche Gesundheitswesen leidet unter chronischem Geldmangel.


Kontrollen, kaum Konsequenzen.


Noch immer sind in zahlreichen Kliniken Wochenarbeitszeiten von bis zu 70 Stunden gang und gäbe. Obwohl das Arbeitszeitgesetz von 1995 vorschreibt, dass niemand mehr als 48 Stunden pro Woche im Mittel arbeiten darf. Viele Ärzte akzeptieren diese Dienstzeiten trotzdem. Teils, weil sie zusätzliches Geld bringen - bei Burkart machen sie mehr als ein Viertel des Lohns aus; sonst aus Sorge, dass ihre Zeitverträge nicht verlängert werden.

In vielen Kliniken schaute sich das Gewerbeaufsichtsamt deshalb schon Dienstpläne und Abrechnungen an. Auch in Tübingen. "Wir finden in der Regel immer was, das bringt der Klinikalltag mit sich", sagt Hans Neifer, der Leiter des hiesigen Amtes. Auf massive Verstöße sei man bei den Stichproben-Kontrollen nicht gestoßen. Allerdings ist seine Behörde vom baden-württembergischen Sozialministerium angehalten, sich an die alte Regelung zu halten. Nach ihr gilt der Bereitschaftsdienst im Widerspruch zu dem europäischen Urteil nicht zu 100 Prozent als Arbeitszeit. "Sonst hätten die Krankenhäuser massive Probleme", stellt Neifer fest.

Johann Graf, der Personalrats-Vorsitzende des Uniklinikums, weiß, dass die Verhältnisse hier stark verbessert werden müssen: Oft gebe es keine ordentlichen Dienstpläne, Ärzte würden angehalten, ihre Überstunden nicht aufzuschreiben, und eine elektronische Zeiterfassung für Ärzte gibt es in keiner Klinik. Aus Gehaltsanweisungen hat Graf für manche Klinikumsbereiche eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von etwa 60 Stunden errechnet. "Im Jahr 2001 wurden für fünf Millionen Mark Überstunden geleistet. Damit könnte man 50 Stellen finanzieren", sagt er. Ebenso viel wurde für Bereitschaftsdienste ausgegeben.

Burkart hat es noch recht gut. Sein Dienstplan ist so angelegt, dass er die 48-Stunden-Regel so weit wie möglich einhält. Für die Bereitschaftsdienste bekommt er etwa 80 Prozent seines Stundenlohns. Und weil er unter der Woche abends noch einen HNO-Behandlungsdienst für das übrige Universitätsklinikum übernimmt, muss er nicht vier bis fünf Mal, wie die meisten seiner Kollegen, sondern nur zwei Mal im Monat ran. Als er anfing, gab es an der HNO-Klinik noch 36-Stunden-Dienste. Einmal hatte er acht Operationen am Stück. Heute sind die Dienste kürzer, höchstens 24 Stunden lang. Zudem ist der Dienst an der HNO meist ruhiger als an anderen Krankenhäusern mit mehr Notfällen. Burkart findet trotzdem einen drastischen Vergleich: "Gibt es nicht eine ähnliche fernöstliche Folter, bei der man die Leute kurz nach dem Einschlafen wieder weckt?", fragt er. Sein Kollege hatte am Vortag drei nachmitternächtliche Einsätze: um 0:30 Uhr, um zwei Uhr, und um vier Uhr dann noch eine Reanimation. Durchschlafen im Bereitschaftsdienst gibt es selten.


Sorgen im Fünf-Minuten-Takt.


Burkart ist jetzt 33 Jahre. Seit August 1996 ist er schon an der HNO, 1997 hat er promoviert. Vor einem Jahr wurde er Facharzt. In der Praxis bedeutet das, dass er gänzlich eigenständig arbeiten und entscheiden darf. Mittlerweile sind die Bereitschaftsdienste Routine für ihn, eine ungeliebte freilich: Sie beginnen morgens mit dem Treffen zwischen gehendem und kommendem Arzt, der Übergabe. Dann die Visite auf den verschiedenen Stationen, bei der die Patienten, wenn es geht, zu ihm in sein helles Behandlungszimmer kommen. Laut Tarifvertrag ist der Bereitschaftsdienst nur für Notfälle da und nicht für Routinetätigkeiten wie Visiten. Aber das wird fast nirgends so praktiziert.

Es ist eine eigenartige Stimmung: Zwei Stunden lang treten menschliche Schicksale ein, quasi im Fünf-Minuten-Takt. Mehr Zeit bleibt nicht. "Burkart ist mein Name, guten Tag", sagt der Arzt. "Wie geht's?" Manche seiner Patienten hat der Krebs stark gezeichnet, meistens entstanden durch Alkohol- oder Nikotin-Missbrauch. Menschen mit Hörstürzen sind eher selten, und das ist der Klinik auch recht so. "Meistens übernehmen es niedergelassenene Ärzte, diese Patienten zu versorgen", sagt Burkart. "Aber finden Sie Freitagabend mal einen Arzt, der da ist!", hat er Patienten schon oft klagen gehört. Der Klinik-Bereitschaftsdienst ist nur für Menschen zuständig, die stationär behandelt werden müssen - in der Theorie. Der Versuch, die Theorie in die Praxis umzusetzen, scheiterte und erregte öffentlichen Unmut. Daraufhin hat die Leitung bestimmt, den Bereitschaftsdienst am Wochenende mit einem Arzt für den Ambulanzdienst von neun bis 20 Uhr zu verstärken. Das koste das Uniklinikum mehrere 100 000 Euro im Jahr. Und ärgert die HNO-Klinik, weil sie für etwas Geld ausgeben muss, was laut Sozialgesetzbuch nicht ihre Aufgabe ist.

Um halb zwölf ist Burkart mit der Visite der auf drei Stationen verteilten Patienten durch. 80 Betten hat die Klinik insgesamt, die Patienten sind in drei Gruppen unterteilt, für eine davon ist Burkart zuständig. Besondere Vorkommnisse gab es aus medizinischer Sicht keine, aus menschlicher Sicht sehr wohl. Burkart muss sich schnell auf die unterschiedlichen Menschen und Situationen einstellen: auf die Patientin, die sich nach ihrer Mandeloperation lieber zu Hause um ihre Kinder kümmern würde und jetzt verzweifelt ist, weil sie wegen Nachblutungen doch noch länger bleiben muss. "Da komm' ich ja nie nach Hause", schluchzt sie. Burkart reicht ihr ein Taschentuch und beruhigt sie. Einem Automechaniker, dem ein Tumor entfernt wurde, war schon gesagt worden, er könne gehen. Nun muss er doch länger bleiben. "Das war schon wie ein Hammer, als ich das gehört habe", sagt er leise und hofft auf Verständnis. Burkart erklärt ihm, warum und wie Lymphknoten aus seinem Hals entnommen werden müssen. Der Mechaniker meint schließlich: "Sie sind der Fachmann." Burkart stimmt ihm zu. "Wenn Sie ihr Auto in meine Werkstatt bringen, müssen Sie mir auch vertrauen", fügt der Mechaniker hinzu.


Kein Alles-in-Ordnung-Bringer.


Burkart nickt, doch der Vergleich gefällt ihm wohl nicht. "Der Arzt muss sich von der Rolle des Machers, Heilers, Alles-in-Ordnung-Bringers verabschieden", ist seine Überzeugung. Deswegen will er mit zwei Kollegen in Tübingen auch ein Palliativ-Zentrum aufbauen, in dem unheilbar Kranke psychologisch und schmerztherapeutisch behandelt werden sollen, um ihnen eine höhere Lebensqualität zu geben. Bisher würden Patienten in Deutschland, sobald man sie nicht mehr behandeln könne, oft zum Hausarzt abgeschoben. "Ich kann am Tod nichts mehr ändern, aber an der Zeit bis dahin", sagt Burkart. "Auch wenn die Patienten alle irgendwann versterben, haben sie doch noch was vom Leben gehabt."

Das Problem an der Sache ist wieder einmal das Geld: Der Betten-Bedarfsplan, der die Krankenhäuser zu möglichst optimierter Ausnutzung zwingt, gestattet derlei pflege- und zeitaufwändige Vorhaben kaum. Dass sich das ändert, wenn die Krankenhäuser auf der Basis von Fallpauschalen abrechnen, ist eher unwahrscheinlich. Dieses neue System einzuführen, ist eine weitere Aufgabe von Burkart.

Ist das Geld knapp, ist auch die Zeit der Ärzte für jeden einzelnen Patienten knapp. Erst mittags um 14:30 Uhr kann sich Burkart etwas länger mit einem Patienten unterhalten. Ein früherer Leistungssportler, Triathlet, durchtrainierter Körper, braun gebrannt, liegt im Bett und wartet darauf, dass Burkart die Elektroden für ein EKG anlegt. Auch Burkart war früher Leichtathletik-Wettkämpfer. Der Arzt erzählt, dass er seit kurzem wieder regelmäßig schwimme. "Da ist man körperlich topfit und meint, man könne Bäume ausreißen, und dann plötzlich wird man krank", sinniert der Patient, während Burkart ihm die Elektroden anklebt. Als er zur Arbeit radelte, verlor er plötzlich sein Gehör auf einer Seite. Schon bei der Visite am Morgen hatte er bangend gefragt, ob er im Bett bleiben müsse oder mit seiner Infusionsflasche rumlaufen darf.

"Du, ich hab' da einen Fall und möchte, dass du ihn dir mal ansiehst" - um 16:30 Uhr ruft ihn sein Kollege von der Ambulanz zu sich. Im Zimmer sitzt ein Mann mit Kratzern am Hals, er wurde von einer zusammenklappenden Leiter getroffen. Burkart sieht sich das ganze von innen an. Zur Sicherheit lässt er den Oberarzt in Rufbereitschaft kommen, der nicht im Krankenhaus bleiben muss. Der ist derselben Meinung: Der Knorpel, der die Stimmbänder hält, ist verschoben und muss operiert werden. Er setzt die Operation auf zwanzig Uhr an.


Er darf nicht raus.


Freundlicherweise hält die Pforte Speisekarten sämtlicher Pizza-Services und Lieferdienste in Tübingen parat. Denn der Bereitschaftsarzt darf nicht aus der HNO raus, hat also keine Möglichkeit, in die Kantine gegenüber zu gehen. Bleibt also nur das Vesper von zu Hause oder der Liefer-Service. Burkart bestellt sich indisches Fleisch mit Reis zum Abendessen.

"Ich bin dem Süden viel zu sehr verhaftet", sagt Burkart beim Essen. Er ist in Stuttgart geboren, in Ravensburg aufgewachsen und hat in Tübingen studiert. Nein, es käme ihm nicht in den Sinn, ins Ausland zu gehen, auch wenn viele andere es tun: Deutsche gehen nach Skandinavien, weil die Situation an den Kliniken dort angenehmer ist; tschechische und polnische Ärzte werden von deutschen Kliniken abgeworben. Weil die Zahl der ärztlichen Berufsanfänger hier zurückgeht, droht Deutschland ein Ärztemangel. Burkart hat erfahren, dass beispielsweise in der Medizinischen Klinik nicht mehr alle Stellen besetzt werden können.

Ärzte entwickeln oft Orakelsprüche, die meist gegensätzlich aufgebaut sind: War es gestern ruhig, ist heute sicher viel los. Oder: Nach einem ruhigen Tag kommt es in der Nacht geballt. Doch wie ist es zu interpretieren, dass die OP um acht doch nicht stattfindet, weil der Rachenraum des Patienten zu stark zugeschwollen ist? Als Zeichen für eine ruhige Nacht? Oder geht es dann erst richtig los? Burkart ist gespannt, auch etwas angespannt, als er die grünen OP-Klamotten ablegt. "Eigentlich wäre es nun an der Zeit zum Nach-Hause-Gehen", sagt er. Die natürliche Freundlichkeit sei aufgebraucht, ab jetzt komme die professionelle. "Aber das ist anstrengend."


Das Stunden-Zählen beginnt.


Das OP-Orakel wollte wohl sagen, dass der Rest der Nacht ruhig wird und Burkart, der keinen Fernseher zu Hause hat, mit wenigen Unterbrechungen "Asterix der Seher" anschauen kann. Um neun sieht er nach einem Kind, das nach einer Mandeloperation vermutlich Blutungen im Rachen hat, um elf wird er zu der in der Vornacht reanimierten Frau gerufen, deren Herzfrequenz stark schwankt und bedrohlich tief sinkt. Den Rufdienst habenden Internisten kann er von der Station aus nicht anrufen, weil Handynummern gesperrt sind. Über die Pforte klappt es aus irgendwelchen Gründen auch nicht. Am Ende erreicht er ihn unter seiner Privatnummer. Der Arzt meint, die Situation sei nicht allzu gefährlich, weil die Patientin ja in einem Intensiv-Pflegezimmer liege. Im Notfall könne reanimiert werden. Eigentlich, berichtet Burkart, sollte die Patientin auf der Intensivstation bleiben, aber dort war kein Platz. Deswegen liegt sie jetzt unter ständiger Beobachtung auf der Station.

Zwei Mädchen kommen um halb zwölf wegen Ohrenschmerzen vorbei, eine Mutter ruft um halb eins an, weil ihr kleines Kind über Schmerzen klagt. Daraufhin herrscht Ruhe. Burkart kann schlafen, bis morgens um sieben der erste Patient in die Klinik kommt. An seine Behandlung schließt sich die dritte Runde der Visite an, wieder zwei Stunden lang Wunden spülen, Hälse anschauen, Spritzen geben, freundlich sein. Dann ist es endlich so weit: 9:45 Uhr, Burkart geht aus dem Krankenhaus, "erst mal frühstücken". Es war einer seiner ruhigsten Dienste. Und schon wieder kann er Stunden zählen: Denn in genau 23 Stunden beginnt sein nächster regulärer Dienst. (Bilder: Ulrich Metz)

 

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